Polizei Polizeiauto

Beim Fernsehsender „sat.1“ läuft bekanntermaßen die Serie „Auf Streife“, in der angeblich echte Polizisten begleitet werden, um zu schauen, was diese in der Schicht erleben.

Was die Polizisten stellenweise machen oder wo bzw. zu was sie hinzugezogen werden, entbehrt in großem Maße jeglicher realen Polizeiarbeit.

So auch diese „Episode“ einer aktuellen Folge …

Die zwei Protagonisten – angebliche Polizisten im Dienst – wurden spät abends zu einer Bäckerei gerufen.
Dort saß ein zwölfjähriges Mädchen, das ein Laugenbrezel aß.
Es stellte sich heraus, dass das Mädchen, das u. a. eine Schlafanzughose trug, von zu Hause weggelaufen war, weil es Langeweile hatte. Das Mädchen sagte, dass ihre Mutter dies nicht bemerkt habe.
Bei der Mutter angekommen, gab es erst mal eine unrealistische Szene.
Die Polizisten klingelten, die Tür ging einen kurzen Moment auf, die Mutter erblickte ihr Kind, erschrak vor den Polizisten und zog es rein, woraufhin sie wieder die Tür schloss.
Einer von den Polizisten rief lautstark – klischeehaft – „Polizei, öffnen sie die Tür oder wir öffnen sie mit Gewalt!“.
Nach einigem Hin und Her öffnete die Mutter die Tür, es gab ein dumm-dämliches Geschwafel, ob sie die Polizei ohne Durchsuchungsanordnung hineinlassen müsse oder nicht, doch irgendwann fiel von den Polizisten die Floskel „Gefahr im Verzug“ und sie standen drin.

Die Mutter des Mädchens war angetrunken, wobei sich nachher herausstellte, dass sie „1.2 Promille“ intus hatte.
Dieser Alkoholtest war angeblich dazu gedacht, dass man der Mutter „Verwahrlosung der Tochter“ sowie „Verletzung der Aufsichtspflicht“ vorwerfen konnte.
Einer der Polizisten kommentierte nämlich in die Kamera, dass nichts dagegen einzuwenden sie, dass die Frau mit ihrer Freundin etwas tränke, doch sie habe grob ihre Aufsichtspflicht verletzt. Er untermauerte dies mit „Argumenten“ wie: „Wenn dem Mädchen etwas in der Wohnung zugestoßen wäre, hätte die Mutter nicht mehr Auto fahren dürfen – wegen der 1.2 Promille – und das wäre dann unterlassene Hilfeleistung gewesen.“ und ähnlicher geistiger Diarrhöe.

Wegen der „1.2 Promille“, die sich als „Refrain“ durch die Episode zog, wurde auch das Jugendamt gerufen, von dem direkt eine Mitarbeiterin innerhalb weniger Minuten erschien.

Die Mutter hätte die Wohnung nicht aufgeräumt, stellte sie direkt fest, während die angetrunkene Mutter flehte, man möge ihr nicht das Kind wegnehmen.

Kurze Rede, langer Stumpfsinn!

Man nahm der Frau das Kind weg.

Quintessenz des Polizisten in die Kamera: „Das Kind war völlig verwahrlost. Die Mutter hat nicht mal gemerkt, dass das Kind die Wohnung verlassen hatte, als sie es zu Bett gebracht hatte.“
Dann folgten Appelle an die Zuschauer, man möge Augen und Ohren offen halten, denn das Jugendamt könne jeder anrufen.

Schöne heile Welt und das Gefühl, etwas für das Kind getan zu haben!

In der realen Welt außerhalb von „Auf Streife“ ist es völlig anders.

Die Frau hätte die Polizisten nicht hereinlassen müssen.
Auch der Alkoholtest war völlig übertrieben und nicht angebracht.

Die Situation stellt sich nüchtern betrachtet so dar.

Die Mutter bekommt Besuch von ihrer Freundin.
Sie bringt ihr dreizehnjähriges Mädchen erst zu Bett, dann unterhalten sie sich und konsumieren Alkohol. Die Alkoholkonzentration von 1.2 Promille kann man schon nach zwei Gläsern Wein erreichen!
Das Mädchen schleicht sich heraus und holt sich beim nahe gelegenen Bäcker etwas zu essen.
Die Polizei wird alarmiert.
Der Rest ist klar.

Das Konstrukt um den sog. „Fall“ ist sehr irreal:
Die Eltern müssen für Kinder ab zehn Jahren de jura nicht immer erreichbar sein, dies würde ja heißen, dass nur ein Ehepartner arbeiten dürfe. Ebenso dürften dann Alleinerziehende gar nicht mehr arbeiten.
Auch von einer Verwahrlosung zu sprechen, weil das Kind mit einer Schlafanzughose unterwegs ist, ist an den Haaren herbeigezogen.
Auch die angebliche Verletzung der Aufsichtspflicht ist dumm, denn sollte eine Mutter permanent ein Auge auf ihr schon zu Bett gegangenes Kind haben? Natürlich nicht!

Solche konstruierten Fälle gibt es sehr oft bei „Auf Streife“.

Abschalten oder Umschalten!


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Dietmar Schneidewind ist Journalist bei der European Press Federation

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