
Am 31.12.2009 ist unsere Mitgliedschaft auf unseren Wunsch hin bei der Piratenpartei erloschen.
Man soll auf ein sterbendes Pferd nicht einschlagen, und das tun wir auch nicht, denn das Pferd ist bereits tot.
Wir – die Wort-Chirurgen – nehmen unser Skalpell namens „Spitze Zunge“ und werden die Ursache des Pferdes Tod anschauen.
So kometenhaft die Piraten aufgestiegen sind, so schnell wird die Sonne in der See erlöschen, aber am nächsten Tag nicht wieder aufgehen.
Wir sahen die Piraten als neue Bewegung der Freiheit an.
Sie haben sich auch so deklariert.
Doch anders als andere Parteien sind sie auch nicht, die Vereinsmeierei ist noch schlimmer als bei denen.
Utopische Ziele haben sie ja genug, doch wenn man diese konkretisieren will, hapert es an der Belegung mit realen Inhalten.
Wir sind immer zu den regelmäßigen sog. Stammtischen gegangen, uns ist aber aufgefallen, dass dies keine Parteisitzungen, sondern nur Stammtische waren. Als Anlass genommen, zu trinken, etwas zu essen, wurden auch schon mal politische Themen besprochen.
Da es aber keine Ortgruppe Böblingen gibt, wie wir erst wesentlich später erfuhren, war es auch nicht möglich, Beschlüsse zu fassen, die in reale Politik münden hätten können.
Tagesordnungspunkte, die – typische für die Piraten – nur über das Internet einsehbar und veränderbar sind, mussten ja nicht eingehalten werden, weil die Parteidisziplin fehlte. Parteisitzungen durfte man das „gemütliche Beisammensein“ ja nicht nennen, weil keine Ortgruppe existiert, die eben sich selbst impliziert hätte.
Was allerdings „sehr wichtig“ war, war die Aufstellung eines Pressesprechers.
Man hat zwar keine Ortsgruppe, aber man braucht einen Pressesprecher, weil eine andere Ortgruppe den auch hat.
Es wurden vor einigen Wochen Kandidaten aufgestellt, die Wahl steht auch seit einigen Wochen auf den Tagesordnungspunkten, doch die Wahl gab es nicht und wird so schnell auch nicht vonstatten gehen, weil es „Wichtigeres“ gibt.
Viele Leute haben uns angesprochen, was es denn außer den „hohen Zielen“ der Piraten „Freiheit ist keine Randnotiz.“ sonst noch gäbe, kommunalpolitisch eben.
Wir beide hatten uns schon lange darüber aufgeregt, dass es in Böblingen und Sindelfingen keinen „gelben Sack“ für Plastikmüll gibt, und diskutieren mit unseren Kollegen u.ä. darüber, doch außer einer kurzen Diskussion beim „Stammtisch“, bei dem die Qualität der Menüs, die es in den Kneipen gab, wichtiger war als konkrete Ziele, kam nicht viel dabei herum.
Jemand versprach eine „Präsentation zur Historie der Plastikmüllentsorgung von Böblingen und Sindelfingen“, diese dauerte nicht lange und die Piraten beschlossen im „Meinungsbild“ – Es gibt ja keine Ortsgruppe, die Beschlüsse fassen kann! – dass dieses Thema nicht „piratig“ genug sei.
Die Einführung des „gelben Sacks“ war nur eine kleine Randnotiz wert!
Wir schlugen noch mehrere andere realpolitische Themen vor, doch man trat uns mit Füßen.
Man hörte uns gar nicht zu.
Nachdem wir eine Sitzung nach kurzer Zeit erbost verlassen hatten, und uns Tage später – Niemand interessierte sich überhaupt, weswegen wir „plötzlich“ gingen. – beschwerten, dass die Musik in der Kneipe wie schon oftmals kritisiert zu laut war – Abhilfe wurde permanent versprochen, wobei es auch blieb. – wurde gerade dies als Anlass – Ausrede – genommen, man hätte uns gar nicht zuhören können.
Als Herzbeben alias Syntronica bekannt gab, dass er als Oberbürgermeister von Böblingen kandidiere, hörte niemand zu. Nachdem wir uns dann endlich Gehör verschafft hatten, wurde die Kandidatur kaputtgeredet und man merkte den Neid der Schwafler, die nie realpolitisch gearbeitet hatten und arbeiten wollten.
Anstatt, wie von uns gewünscht, ein gemeinsames Piratenboot zu besteigen, verschanzte man sich lieber hinter Floskeln und Totschlagargumenten, als gemeinsam unter der Piratenflagge ins Rathaus zu schippern.
So macht man keine Realpolitik!
Punkte wie Vorratsdatenspeicherung, Google Street View etc. wurden angesprochen, weil die Piraten ja für Freiheit stehen, weil Freiheit ja keine Randnotiz ist, doch mehr als erwähnen musste man es nicht.
Eine Randnotiz reicht ja! Widerstand sollten die anderen machen!
Bei Google Street View werden alle Häuser fotografiert und diese wie auf einer Landkarte – ähnlich Google Maps – einsehbar für jeden.
Dass das Veröffentlichen dieser Bilder – wie von Google geplant – nicht nur mit dem deutschen Datenschutzgesetz kollidiert, dürfte jedem klar sein.
Ohne eine Genehmigung jedes einzelnen darf niemand Bilder veröffentlichen.
Dieses Thema wurde angesprochen, dann empfohlen Anti-Street-View-Schilder in den eigenen Fenstern aufzuhängen, mehr wurde nicht beschlossen. Die Bürger wurden nicht informiert, obwohl dies ja vorgeschlagen, aber nicht realisiert wurde, weil niemand zuständig war und ist.
Solche und viele andere Dinge haben uns dazu gebracht, bei den Piraten wieder auszutreten.
Wenn „Freiheit ist keine Randnotiz“ deklariert ist, doch die realpolitische Umsetzung nicht mehr als eine Randnotiz wert ist, ist das Parteiziel gestorben.
Wir waren Piraten
p.s.: Wie es in Deutschland so ist, werden unsere Daten noch jahrelang bei den Piraten gespeichert, ohne dass die Piraten sich gegen diese gesetzlichen Auflagen erheben.
2 Kommentare zu „Wir waren Piraten“
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@Marvin:
Wir stehen mit anderen (Ex‑) Piraten in Kontakt.
Da läuft es genauso.
Traurig zu lesen, aber dennoch interessant.
Falls es überall bei den Piraten so abläuft, wird das wirklich nichts.